Hartmut Ulrich - Geschichten

Hartmut Ulrich  //  Beim Sammeln entsteht ein Bild.

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11. March 2011

Unschärfeverlangen

Dass man also, bei vollem Bewusstsein und Wissen um die Dinge, nach Jahren und Jahren dennoch plötzlich erwachen kann wie aus einem unscharfen Traum, um schockartig mit einem Schlag die eigene unfassbare Naivität zu realisieren und sich dann, im gleichen Moment, nichts sehnlicher zu wünschen als einfach weiterzuträumen. Weiter so tun zu können, als habe es diesen Augenblick gar nicht gegeben, als seien Erkenntnis und Klarheit grundsätzlich nicht förderlich, als habe der Mensch in seiner Unzulänglichkeit ein natürliches Recht darauf, die Augen geschlossen zu halten oder doch zumindest ein Recht auf Unschärfe, da er nur zugrunde gehen könne an der entsetzlichen Auflösung des klaren Blicks, da er darunter leiden werde wie alle, denen das Entscheiden von prinzipiell Unentscheidbarem zugemutet wird, es verlangte ihm eine Haltung ab, die auf Dauer nur Götter ertragen. Die einzige nicht übermenschliche Haltung sei ja das Verdrängen, jenes bewusste Nichtsehen, das auch möglich ist mit gerader, aufrechter Haltung und offenem, freundlichem Blick, und das gerade deswegen so trügerisch ist.

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