Hartmut Ulrich - Geschichten http://story.hartmutulrich.de Most recent posts at Hartmut Ulrich - Geschichten posterous.com Sat, 31 Mar 2012 12:17:00 -0700 Über das Glück http://story.hartmutulrich.de/uber-das-gluck http://story.hartmutulrich.de/uber-das-gluck

Wir tranken zwei Flaschen exzellenten Chablis,

redeten über die Zukunft,

über Dinge, die noch getan werden können,

niemals redeten wir über das Müssen

an diesem Abend.

 

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Sun, 29 Jan 2012 15:48:00 -0800 Über das Glück, eine Yacht zu besitzen http://story.hartmutulrich.de/uber-das-gluck-eine-yacht-zu-besitzen http://story.hartmutulrich.de/uber-das-gluck-eine-yacht-zu-besitzen

Nussschale

 

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Sun, 11 Dec 2011 12:26:00 -0800 Unschärferelation http://story.hartmutulrich.de/unscharferelation http://story.hartmutulrich.de/unscharferelation

Wie schwarz war dein Tag?

Wie schwatz war dein Tag?

Wie war dein Tag, Schatz?

Scherz?

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Fri, 25 Nov 2011 01:05:00 -0800 Unterhaltungsprogramm http://story.hartmutulrich.de/unterhaltungsprogramm http://story.hartmutulrich.de/unterhaltungsprogramm

Ich will mich einfach nur unterhalten!

= zwanglos miteinander sprechen?

= vergnüglicher Zeitvertreib?

= Lebensunterhalt?

= unter die Dusche?

Merke: Wer nur unterhält, ist ein Clown.

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Thu, 10 Nov 2011 07:16:00 -0800 Über Sinn http://story.hartmutulrich.de/uber-sinn http://story.hartmutulrich.de/uber-sinn

Der alte Mann im grellgelben Lotsenmantel ist immer da. Immer, wenn die Schule aus ist. Jeden Tag. Ein Schülerlotse im Rentenalter, ein wenig gebrechlich schon aber überzeugt von seiner Mission. Springt die Ampel auf Grün, schreitet er mit entschlossenem Blick in die Kreuzung und streckt seine Kelle aus, stolz wie ein Ritter sein Schwert. Rüstige Bereitschaft, noch etwas beizutragen. Er will der vierspurigen Ausfallstraße etwas von ihrer Brutalität nehmen, sie weniger ausfallend machen, die aggressive Meute zur Besinnung bringen, wenigstens für ein paar Sekunden jeweils. Bewusstheit, Achtsamkeit: ortsfremde Begriffe hier. Wahrscheinlich lobt ihn kaum jemand für die Unverdrossenheit, mit der er an das Gute glaubt.

Vor kurzem haben sie genau an dieser Kreuzung einen fünfjährigen Jungen tot gefahren. Das Kind hat sich losgerissen von der Hand der Mutter, ist selber auf die Straße gerannt, einfach so, schnell, direkt, unwiderruflich. Keiner hatte eine Chance. Nicht das Kind, nicht der Autofahrer, nicht die Mutter. Sie hat ihr Kind sterben sehen, noch an der Unfallstelle. Den Autofahrer trifft keine Schuld, er hat nichts falsch gemacht. Blumen, Kreuze und Spielzeug, Zeichen der Anteilnahme, schon schmutziggrau von Straßenstaub und Regen. Niemand hat es verhindern können, niemand hätte. Die Ampel schaltet auf Grün, und der alte Mann streckt wieder seine Kelle aus.

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Mon, 31 Oct 2011 01:19:00 -0700 Herbstsinfonie http://story.hartmutulrich.de/herbstsynfonie http://story.hartmutulrich.de/herbstsynfonie

Mit Laubbläsern und Hausmeister. Auch genannt: Die Unromantische.

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Sun, 30 Oct 2011 10:28:00 -0700 Kurzkonversation http://story.hartmutulrich.de/kurzkonversation http://story.hartmutulrich.de/kurzkonversation

"Und, was hast du so studiert?"

"Soziophobie."

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Thu, 27 Oct 2011 06:45:00 -0700 Dialog auf Arbeit http://story.hartmutulrich.de/kurzgeschichte http://story.hartmutulrich.de/kurzgeschichte

"Irgendwie ist alles nur noch sehr kurz-frisst-dich."

"Immer noch besser als lang-amtig."

"Oder schnell-leb-ich."

"Immer nur: asap, asap."

"Ja. Ich rödel mir den as ap."

"Jammer nich. Ist ja bald WOE."

"Wo, ey?"

 

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Mon, 10 Oct 2011 03:18:00 -0700 Der Armreif http://story.hartmutulrich.de/der-armreif http://story.hartmutulrich.de/der-armreif

Fast das ganze Jahr über liegt er im Schrank. Ich trage ihn nur auf Reisen. Früher häufig, heute dauert es immer Monate, bis ich ihn einmal hervorholen kann. „Er“ ist ein Armreif, kunstvoll gefertigt aus unterschiedlich dicken Kupfer-, Messing- und Eisendrähten. Er hat alle Kontinente bereist, 39 Länder gesehen und das Salz der sieben Meere geschmeckt. Er ist ziemlich verbogen, und ich muss ihn immer wieder zurechtdrücken, damit er so etwas bleibt wie ein Armreif. Man sieht ihm die Handarbeit an, jene Schönheit von Dingen, die schön sind durch ihre Unperfektheit. Ich habe ihn aus Ostafrika, von einer abenteuerlichen und sehr staubigen Fahrt kreuz und quer durch Kenia und Tansania. Die unterschiedlichen Metalle, so erzählte mir der Verkäufer, symbolisierten die Verbundenheit der drei großen Stämme Tansanias, eng miteinander verflochten und dennoch so verschieden. Bis heute weiß ich nicht, ob er mir da eine Geschichte für Touristen erzählt hat oder ob das wirklich stimmt, das mit den drei Stämmen.

Liegt der Reif für längere Zeit im Schrank, beginnt er seine Strahlkraft zu verlieren. Das leuchtende Rot des Kupfers wird braun und unansehnlich, das Gelb des Messings matt und kraftlos. Am Schreibtisch kann ich ihn jedenfalls nicht tragen: Er hasst Schreibtische, stört störrisch beim Schreiben und Tippen, ein Arbeitsverweigerer und Taugenichts, ein Abenteurer, der nur glänzt auf nackter Haut, unter heißer Sonne und freiem Himmel, schon nach wenigen Tagen. Als wäre er verzaubert, ein Symbol dafür, wofür das Leben wirklich steht, wodurch es zu strahlen beginnt.

Er liegt jetzt wieder im Schrank.

 

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Wed, 17 Aug 2011 11:42:00 -0700 Dönerteller mit Beilagen http://story.hartmutulrich.de/donerteller-mit-beilagen http://story.hartmutulrich.de/donerteller-mit-beilagen

Der alte Mann am Tisch neben mir lächelt mich freundlich an. Ich sitze einen Klapptisch weiter, draußen vor dem Imbiss und schaufle mit sichtbarer Begeisterung einen Teller Fleisch und frische Salate in mich hinein. „Das ist gut nicht wahr, das hatte ich auch“, sagt er. Versuch einer Konversation. In seinem Alter hat man längst bemerkt, dass die Jungen immer weniger mit einem reden, wirklich reden. Zu wenig Anlass für mehr als belanglose Freundlichkeiten, zu wenig Zeit, zu wenig verbliebene Gemeinsamkeiten. Ich sage, die Bude kenne ich schon lange, seit es sie gibt, vom ersten Tag an, hier hat es mir immer geschmeckt. Wie der  Eigentümer noch vor ein paar Jahren sieben Tage die Woche selbst hinterm Tresen stand. Wie er knusprige Fleischstückchen mit einem riesigen Messer vom Drehspieß säbelte und es dazwischen immer mit einem ebenso riesigen Wetzstahl schärfte. Wie alles gewachsen sei. Dass sie jetzt zu fünft bedienen und da, wo jetzt die Stehtische sind, hätten sie noch vor kurzem den Teig ausgerollt für das Pita-Brot, sage ich.

Der alte Mann lächelt. Er sagt, er kenne die Bude auch von früher. Drüben am Ostbahnhof seien immer die Züge mit den Soldaten angekommen. Und es habe ständig Bombardierungen gegeben, immer wieder, 1944. Alle seien dann in die beiden Schutzräume geflüchtet, gleich da drüben, am Orleansplatz. Wie es dann einen Volltreffer gegeben habe, auf einen der beiden. Wie sie die Leichenteile gestapelt hätten, hier im Raum, genau da, wo jetzt der Imbiss sei. Gestapelt, alles durcheinander, übereinander. Sein ganzes Leben lang habe er den süßlichen Blutgeruch nicht vergessen können, nie, bis heute nicht. Mein Teller ist leer. „Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag“, sage ich, stehe auf und gebe ihm die Hand, obwohl wir uns gerade zum erstemn Mal im Leben gesehen haben. Nie mehr werde ich hier Dönerteller mit Beilagen essen können, ohne an den alten Mann denken zu müssen. Und seine Geschichte.

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Wed, 20 Jul 2011 14:05:00 -0700 Urknalltheorie http://story.hartmutulrich.de/urknalltheorie http://story.hartmutulrich.de/urknalltheorie

Wenn man es recht betrachtet, ist das mit den Parallelwelten ja nun doch wieder recht weit fortgeschritten. Ich frage mich, ob der kosmische Urknall nicht jener Moment gewesen sein muss, in dem allen noch so weit voneinander entfernten Galaxien urplötzlich ein Moment des Erkennens gemein wurde, den Facebook-Bürgern ebenso wie den Groupons, Xings oder Myspacern, den Zockern an den Finanzmärkten wie den hohlen Wachsgesichtern der internationalen Politik - und natürlich auch den Bayern hinter ihren Bierkrügen. Und dass das auch dieses Mal unweigerlich konkrete Auswirkungen haben muss auf Raum, Zeit, Materie und Physik, so wie vor etwa 13,75 Milliarden Jahren.

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Wed, 06 Apr 2011 00:18:00 -0700 Slow Media http://story.hartmutulrich.de/slow-media http://story.hartmutulrich.de/slow-media

Ein Baum, der geht nicht schnell

steht einfach auf der Stell

dort bleibt er lange stehn'

denkt nicht im Traum ans Gehn'

 

Doch plötzlich fängt er an

er steht so starr er kann

verkneift sich einen Sprung

steht weiter nur still rum.

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Tue, 05 Apr 2011 13:48:00 -0700 Imagine http://story.hartmutulrich.de/imagine http://story.hartmutulrich.de/imagine

Geheimtintendrucker.

Bling. Bling.

Bild nicht gefunden.

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Wed, 23 Mar 2011 13:22:00 -0700 Zeitgenössische Kurzlyrik http://story.hartmutulrich.de/zeitgenossische-kurzlyrik http://story.hartmutulrich.de/zeitgenossische-kurzlyrik

Firefox vier

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Fri, 11 Mar 2011 08:32:00 -0800 Unschärfeverlangen http://story.hartmutulrich.de/weitertraumen http://story.hartmutulrich.de/weitertraumen

Dass man also, bei vollem Bewusstsein und Wissen um die Dinge, nach Jahren und Jahren dennoch plötzlich erwachen kann wie aus einem unscharfen Traum, um schockartig mit einem Schlag die eigene unfassbare Naivität zu realisieren und sich dann, im gleichen Moment, nichts sehnlicher zu wünschen als einfach weiterzuträumen. Weiter so tun zu können, als habe es diesen Augenblick gar nicht gegeben, als seien Erkenntnis und Klarheit grundsätzlich nicht förderlich, als habe der Mensch in seiner Unzulänglichkeit ein natürliches Recht darauf, die Augen geschlossen zu halten oder doch zumindest ein Recht auf Unschärfe, da er nur zugrunde gehen könne an der entsetzlichen Auflösung des klaren Blicks, da er darunter leiden werde wie alle, denen das Entscheiden von prinzipiell Unentscheidbarem zugemutet wird, es verlangte ihm eine Haltung ab, die auf Dauer nur Götter ertragen. Die einzige nicht übermenschliche Haltung sei ja das Verdrängen, jenes bewusste Nichtsehen, das auch möglich ist mit gerader, aufrechter Haltung und offenem, freundlichem Blick, und das gerade deswegen so trügerisch ist.

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Thu, 03 Mar 2011 02:34:00 -0800 Wiener Opernball http://story.hartmutulrich.de/wiener-opernball http://story.hartmutulrich.de/wiener-opernball

Was für ein Glück, dass der Walzer nicht von einem Ökonomen erfunden wurde! Womöglich ginge es dann immer nur schnurstracks geradeaus, und am Ende befände man sich, wo keiner je hin wollte. Die Schönheit des Walzers hingegen zeigt sich ja erst im Wechsel der Bewegungen: vorwärts, seitwärts und Rückschritt, in Momenten, in denen sich alles umeinander und beglückt im Kreis dreht.

Niemals lässt sich ein Walzer alleine tanzen, es braucht immer zwei Menschen, die aufeinander vertrauen, die perfekt harmonieren, am besten einen ganzen Festsaal voll von ihnen. Was ließe sich da alles übers Leben ablesen! Aber das Leben ist kein Ballsaal, gemeinhin gelten Ballsäle als nicht mehr zeitgemäß, man macht sich ja sofort verdächtig, ein ganz Gestriger zu sein. Dabei dreht sich auch im richtigen Leben so oft alles nur im Kreis, und für einen Schritt nach vorn sind immer mehrere zur Seite nötig und so mancher zurück. Ein bisschen mehr Wien und ein bisschen mehr Walzer: Vielleicht die angemessene Therapie für all die verkrampften Produktivitätssteigerer, Höchstleister und Effizienzer. 

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Wed, 12 Jan 2011 05:08:00 -0800 Mister Gott und sein Desktop http://story.hartmutulrich.de/mister-gott-und-sein-desktop http://story.hartmutulrich.de/mister-gott-und-sein-desktop

Und wenn das Universum nun so etwas wäre wie Herr Gotts grafische Benutzeroberfläche? Dateien wären Sterne und Planeten. Enthalten buntes Allerlei. Große Ideen. Kleine Ideen. Keine Ideen. Hie und da ein ein Fehler im Code. Viren und Würmer. Datei nicht lesbar - ab in den Papierkorb damit. In welcher Datei wären wir? Ordner wären wie Galaxien: Sie sehen so ähnlich aus wie Dateien, sind aber keine. Wenn man genau hinguckt, enthalten sie ungezählte Dateien. Und das Betriebssystem: Ob das wohl auch ab und zu abstürzt?

Am Anfang war die Ordnung am größten. Völlige Leere. So wie es am Anfang war, wird es nicht wieder. Neue Dateien und Ordner entstehen wie aus Nichts. Sind Dateien überhaupt etwas? Wie kann etwas nichts sein, das man sieht? Strom fließt, Strom fließt nicht. Das Chaos nimmt zu. Gibt es einen Punkt, an dem das Chaos nicht mehr größer werden kann, so wie eine Staubschicht irgendwann nicht mehr dicker wird? Nimmt danach die Ordnung wieder zu - oder ist maximales Chaos ein ewig stabiler Zustand? Vielleicht sind wir ja doch alle nur eine Simulation.

Ob Herr Gott seinen Desktop hin und wieder aufräumt?

 

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Fri, 07 Jan 2011 04:25:00 -0800 Falsche Freunde http://story.hartmutulrich.de/falsche-freunde http://story.hartmutulrich.de/falsche-freunde

Letzte Nacht, es muss gegen drei Uhr gewesen sein, tappte ich schlaflos in der dunklen Wohnung umher. Gerade wollte ich in die Küche, um ein Glas Wasser zu trinken, da hörte ich Geräusche. War da wer? Auf dem Parkett im Wohnzimmer  schemenhaft Gestalten. Den Atem anhaltend drückte ich mich hinter den Türrahmen, um Zeuge eines bizarren Disputs zu werden. Am Boden saß das Bauchgefühl und knurrte unzufrieden aus den Eingeweiden. Offenbar hatte es sich mit der gegenüber kauernden Unruhe verbündet, und beide versuchten, den Rest der Anwesenden auf ihre Seite zu ziehen. Auch die Entwicklung unterstützte das Bauchgefühl. Sie wies auf ihren nichtlinearen Charakter hin und behauptete, quasi über Nacht sei eine nächste Stufe erreicht, die das Verharren auf der bisherigen unmöglich mache. Alle drei drängten zum Aufbruch. Die Besonnenheit widersprach und forderte, die Durststrecke zu überwinden und Weichen nicht in emotionalem Ausnahmezustand neu zu stellen. Die Geduld war ebenfalls fürs Abwarten und Aussitzen und blickte in Richtung ihrer älteren Schwester, der Gelassenheit. Die Gleichgültigkeit war erst gar nicht erschienen.

Draußen regnete es, und einzelne Schneeflocken trieben im fahlen Licht der Laternen die Straße hinunter. Es schien mehr als ratsam, im Warmen und Trockenen zu bleiben, am Erreichten festzuhalten. Das Verantwortungsbewusstsein schien meine Gedanken zu erraten und mahnte, jene nicht zu enttäuschen, die auf Beständigkeit vertrauten. Mit den kalten Füßen meldete sich auch das Alter und gab zu bedenken, dass die Kraft nicht für unbegrenzte Neustarts reichen werde. Jeder neue Aufbruch mache den Weg zur Zufriedenheit schwieriger, gar unmöglich, mahnte das Alter. Die Unternehmungslust entgegnete papperlapapp, Kraft erwachse ja überhaupt erst aus dem Neustart, und das Glück liege schließlich im Aufbrechen, nicht im Ankommen. Die Hoffnung nickte zustimmend. Der Glaube hielt sich bedeckt, weil er offenbar auch nicht so recht wusste, zu wem er eigentlich halten sollte.

Da fasste sich der Mut ein Herz und sagte, der Blick über den Tellerrand sei möglicherweise einfach noch nicht konsequent genug gewesen und noch nie weit genug gegangen, um das Richtige hinter dem Horizont erkennen zu können. Der Zweifel wusste nicht so recht und suchte Bestätigung bei der Angst. Da ergriff die Entwicklung wieder das Wort und sagte, „das Richtige“ könne immer nur jeweils für eine ihrer Stufen gelten, sei aber bereits auf der darauf folgenden eventuell schon nicht mehr richtig. Daher müsse es ständig neu überprüft werden. Plötzlich stand die Religion auf und blickte ernst und pathetisch in die Runde. Sie hatte bisher noch gar nichts gesagt und redete nun, als habe sie den Stein der Weisen entdeckt. Sie verlange nichts weiter, als dass man sich an ihre Regeln halte. Dafür versprach sie nicht nur Klarheit, sondern auch Erleuchtung und Erlösung.

Für einen Moment schwiegen alle. War das die Antwort? Der Zweifel wollte seinen Senf dazu geben, wurde aber vom Glauben daran gehindert. Schließlich räusperte sich das Bauchgefühl und bedauerte unendlich, der Religion den Gehorsam verweigern zu müssen: Es könne nicht anders, bei allem Respekt und so sehr es auch wolle, aber so lange die Religion so eng mit dem verklemmten Spießer Moral zusammen arbeite, gebe es doch nichts als Probleme. Wirklich gelöst habe die Religion ja nichts, ausgelöst allerdings mehr, als den Anwesenden lieb sein könne, sagte das Bauchgefühl und freute sich über die eigene Formulierung. Ich beobachtete die streitbaren Geister noch eine Weile und fragte mich, wer wohl die richtigen Freunde waren und wer die falschen - vor allem aber, wer hier der Boss war. Alle schienen gleich stark zu sein, und wenn sie sich miteinander maßen, hoben sich ihre Kräfte immer gegenseitig auf.

Da bemerkte ich den Zufall. Er hatte die ganze Zeit wortlos da gesessen. Ich kannte den Zufall schon ein wenig. Ein schwieriger Bursche, vollkommen unberechenbar. Er hatte etwas Gefährliches, und alle fanden ihn ein bisschen unheimlich. Andererseits strahlte er auch Stärke aus, hatte etwas Sympathisches, sogar Schalkhaftes. Man traute ihm ohne weiteres einen kaltblütigen Mord zu und konnte sich zugleich vorstellen, dass er alles tun würde, um einen Freund zu retten. Jeder hätte ihn gerne zum Freund gehabt und keiner zum Feind, aber keiner hätte sagen können, wie man das eine anstellen und das andere verhindern konnte. Der Zufall ließ sich auf niemandes Seite ziehen, vor keinen Karren spannen. Er gehörte zu keiner Gruppe, zog mal mit dem los, dann wieder mit jenem. Er blieb stets für sich, schien niemanden zu brauchen, war absolut unbestechlich, redete nicht, fragte keinen um Rat, zweifelte nie. Er stellte die anderen einfach vor vollendete Tatsachen. Keiner hätte es je zugegeben - aber der Zufall war der stille Herrscher der Gesellschaft.

Ich löste mich leise aus meinem Versteck und ging.

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Tue, 21 Sep 2010 01:39:00 -0700 Farbenlehre http://story.hartmutulrich.de/farbenlehre http://story.hartmutulrich.de/farbenlehre

In der Schule habe ich mal einen französischen Zeichentrickfilm gesehen. Er handelte vom Leben. Der Film bestand aus Abschnitten in Schwarzweiß und aus bunten Episoden. Die grauen Abschnitte waren erst nur ganz kurz. Dann wurden sie länger und immer länger. Die bunten wurden immer seltener. Den Film habe ich nie vergessen, bis heute nicht. Du bist einer der bunten Momente.

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Fri, 10 Sep 2010 15:29:00 -0700 Genesis (a long time ago) http://story.hartmutulrich.de/genesis-a-long-time-ago http://story.hartmutulrich.de/genesis-a-long-time-ago

Am Anfang war das Wort. Und das Wort war C. Eigentlich aber war C gar kein Wort, sondern ein Buchstabe. Und deshalb schuf Gott Unix. Naja, um ehrlich zu sein, es war auch nicht Gott, der es geschaffen hatte, es waren Brian und Dennis. Gott aber sah, dass Unix gut war. Und er hätte es gerne selber geschaffen. Deswegen war Gott eifersüchtig. Also schuf er Bill, um Brian und Dennis zu ärgern. Und Bill schuf Microsoft. Und Windows. Gott sah, dass Windows nicht so vollkommen war wie Unix. Aber es hatte Marktanteil, mehr als Unix, und das war Gott recht.

Bill aber wuchs. Und wuchs. Und wuchs. Und hielt sich bald selber für Gott. Das war Gott dann wieder nicht so recht. Gott wurde sehr zornig, und er ersann einen Plan, um Bill zu strafen (nein, jetzt kommt nicht Steve, der war da noch sehr klein). So schuf Gott Tim. Tim aber schuf das World Wide Web. Mit Unix, natürlich. Und das Web war gut. So gut nun aber auch wieder nicht. Deshalb schuf Gott auch gleich noch Marc, und Marc schuf Mosaic. Mit Unix, natürlich. Als Gott sah, dass Mosaic gut war, erlaubte er Marc, Netscape zu schaffen. Und den Navigator. Und Gott sah, dass der Navigator sehr gut war. (aber das ist auch schon sehr, sehr lange her)

 

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