Hartmut Ulrich - Geschichten

Hartmut Ulrich  //  Beim Sammeln entsteht ein Bild.

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10. October 2011

Der Armreif

Fast das ganze Jahr über liegt er im Schrank. Ich trage ihn nur auf Reisen. Früher häufig, heute dauert es immer Monate, bis ich ihn einmal hervorholen kann. „Er“ ist ein Armreif, kunstvoll gefertigt aus unterschiedlich dicken Kupfer-, Messing- und Eisendrähten. Er hat alle Kontinente bereist, 39 Länder gesehen und das Salz der sieben Meere geschmeckt. Er ist ziemlich verbogen, und ich muss ihn immer wieder zurechtdrücken, damit er so etwas bleibt wie ein Armreif. Man sieht ihm die Handarbeit an, jene Schönheit von Dingen, die schön sind durch ihre Unperfektheit. Ich habe ihn aus Ostafrika, von einer abenteuerlichen und sehr staubigen Fahrt kreuz und quer durch Kenia und Tansania. Die unterschiedlichen Metalle, so erzählte mir der Verkäufer, symbolisierten die Verbundenheit der drei großen Stämme Tansanias, eng miteinander verflochten und dennoch so verschieden. Bis heute weiß ich nicht, ob er mir da eine Geschichte für Touristen erzählt hat oder ob das wirklich stimmt, das mit den drei Stämmen.

Liegt der Reif für längere Zeit im Schrank, beginnt er seine Strahlkraft zu verlieren. Das leuchtende Rot des Kupfers wird braun und unansehnlich, das Gelb des Messings matt und kraftlos. Am Schreibtisch kann ich ihn jedenfalls nicht tragen: Er hasst Schreibtische, stört störrisch beim Schreiben und Tippen, ein Arbeitsverweigerer und Taugenichts, ein Abenteurer, der nur glänzt auf nackter Haut, unter heißer Sonne und freiem Himmel, schon nach wenigen Tagen. Als wäre er verzaubert, ein Symbol dafür, wofür das Leben wirklich steht, wodurch es zu strahlen beginnt.

Er liegt jetzt wieder im Schrank.

 

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