Hartmut Ulrich - Geschichten

Hartmut Ulrich  //  Beim Sammeln entsteht ein Bild.

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11. December 2011

Unschärferelation

Wie schwarz war dein Tag?

Wie schwatz war dein Tag?

Wie war dein Tag, Schatz?

Scherz?

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25. November 2011

Unterhaltungsprogramm

Ich will mich einfach nur unterhalten!

= zwanglos miteinander sprechen?

= vergnüglicher Zeitvertreib?

= Lebensunterhalt?

= unter die Dusche?

Merke: Wer nur unterhält, ist ein Clown.

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10. November 2011

Über Sinn

Der alte Mann im grellgelben Lotsenmantel ist immer da. Immer, wenn die Schule aus ist. Jeden Tag. Ein Schülerlotse im Rentenalter, ein wenig gebrechlich schon aber überzeugt von seiner Mission. Springt die Ampel auf Grün, schreitet er mit entschlossenem Blick in die Kreuzung und streckt seine Kelle aus, stolz wie ein Ritter sein Schwert. Rüstige Bereitschaft, noch etwas beizutragen. Er will der vierspurigen Ausfallstraße etwas von ihrer Brutalität nehmen, sie weniger ausfallend machen, die aggressive Meute zur Besinnung bringen, wenigstens für ein paar Sekunden jeweils. Bewusstheit, Achtsamkeit: ortsfremde Begriffe hier. Wahrscheinlich lobt ihn kaum jemand für die Unverdrossenheit, mit der er an das Gute glaubt.

Vor kurzem haben sie genau an dieser Kreuzung einen fünfjährigen Jungen tot gefahren. Das Kind hat sich losgerissen von der Hand der Mutter, ist selber auf die Straße gerannt, einfach so, schnell, direkt, unwiderruflich. Keiner hatte eine Chance. Nicht das Kind, nicht der Autofahrer, nicht die Mutter. Sie hat ihr Kind sterben sehen, noch an der Unfallstelle. Den Autofahrer trifft keine Schuld, er hat nichts falsch gemacht. Blumen, Kreuze und Spielzeug, Zeichen der Anteilnahme, schon schmutziggrau von Straßenstaub und Regen. Niemand hat es verhindern können, niemand hätte. Die Ampel schaltet auf Grün, und der alte Mann streckt wieder seine Kelle aus.

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31. October 2011

Herbstsinfonie

Mit Laubbläsern und Hausmeister. Auch genannt: Die Unromantische.

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30. October 2011

Kurzkonversation

"Und, was hast du so studiert?"

"Soziophobie."

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27. October 2011

Dialog auf Arbeit

"Irgendwie ist alles nur noch sehr kurz-frisst-dich."

"Immer noch besser als lang-amtig."

"Oder schnell-leb-ich."

"Immer nur: asap, asap."

"Ja. Ich rödel mir den as ap."

"Jammer nich. Ist ja bald WOE."

"Wo, ey?"

 

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10. October 2011

Der Armreif

Fast das ganze Jahr über liegt er im Schrank. Ich trage ihn nur auf Reisen. Früher häufig, heute dauert es immer Monate, bis ich ihn einmal hervorholen kann. „Er“ ist ein Armreif, kunstvoll gefertigt aus unterschiedlich dicken Kupfer-, Messing- und Eisendrähten. Er hat alle Kontinente bereist, 39 Länder gesehen und das Salz der sieben Meere geschmeckt. Er ist ziemlich verbogen, und ich muss ihn immer wieder zurechtdrücken, damit er so etwas bleibt wie ein Armreif. Man sieht ihm die Handarbeit an, jene Schönheit von Dingen, die schön sind durch ihre Unperfektheit. Ich habe ihn aus Ostafrika, von einer abenteuerlichen und sehr staubigen Fahrt kreuz und quer durch Kenia und Tansania. Die unterschiedlichen Metalle, so erzählte mir der Verkäufer, symbolisierten die Verbundenheit der drei großen Stämme Tansanias, eng miteinander verflochten und dennoch so verschieden. Bis heute weiß ich nicht, ob er mir da eine Geschichte für Touristen erzählt hat oder ob das wirklich stimmt, das mit den drei Stämmen.

Liegt der Reif für längere Zeit im Schrank, beginnt er seine Strahlkraft zu verlieren. Das leuchtende Rot des Kupfers wird braun und unansehnlich, das Gelb des Messings matt und kraftlos. Am Schreibtisch kann ich ihn jedenfalls nicht tragen: Er hasst Schreibtische, stört störrisch beim Schreiben und Tippen, ein Arbeitsverweigerer und Taugenichts, ein Abenteurer, der nur glänzt auf nackter Haut, unter heißer Sonne und freiem Himmel, schon nach wenigen Tagen. Als wäre er verzaubert, ein Symbol dafür, wofür das Leben wirklich steht, wodurch es zu strahlen beginnt.

Er liegt jetzt wieder im Schrank.

 

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17. August 2011

Dönerteller mit Beilagen

Der alte Mann am Tisch neben mir lächelt mich freundlich an. Ich sitze einen Klapptisch weiter, draußen vor dem Imbiss und schaufle mit sichtbarer Begeisterung einen Teller Fleisch und frische Salate in mich hinein. „Das ist gut nicht wahr, das hatte ich auch“, sagt er. Versuch einer Konversation. In seinem Alter hat man längst bemerkt, dass die Jungen immer weniger mit einem reden, wirklich reden. Zu wenig Anlass für mehr als belanglose Freundlichkeiten, zu wenig Zeit, zu wenig verbliebene Gemeinsamkeiten. Ich sage, die Bude kenne ich schon lange, seit es sie gibt, vom ersten Tag an, hier hat es mir immer geschmeckt. Wie der  Eigentümer noch vor ein paar Jahren sieben Tage die Woche selbst hinterm Tresen stand. Wie er knusprige Fleischstückchen mit einem riesigen Messer vom Drehspieß säbelte und es dazwischen immer mit einem ebenso riesigen Wetzstahl schärfte. Wie alles gewachsen sei. Dass sie jetzt zu fünft bedienen und da, wo jetzt die Stehtische sind, hätten sie noch vor kurzem den Teig ausgerollt für das Pita-Brot, sage ich.

Der alte Mann lächelt. Er sagt, er kenne die Bude auch von früher. Drüben am Ostbahnhof seien immer die Züge mit den Soldaten angekommen. Und es habe ständig Bombardierungen gegeben, immer wieder, 1944. Alle seien dann in die beiden Schutzräume geflüchtet, gleich da drüben, am Orleansplatz. Wie es dann einen Volltreffer gegeben habe, auf einen der beiden. Wie sie die Leichenteile gestapelt hätten, hier im Raum, genau da, wo jetzt der Imbiss sei. Gestapelt, alles durcheinander, übereinander. Sein ganzes Leben lang habe er den süßlichen Blutgeruch nicht vergessen können, nie, bis heute nicht. Mein Teller ist leer. „Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag“, sage ich, stehe auf und gebe ihm die Hand, obwohl wir uns gerade zum erstemn Mal im Leben gesehen haben. Nie mehr werde ich hier Dönerteller mit Beilagen essen können, ohne an den alten Mann denken zu müssen. Und seine Geschichte.

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20. July 2011

Urknalltheorie

Wenn man es recht betrachtet, ist das mit den Parallelwelten ja nun doch wieder recht weit fortgeschritten. Ich frage mich, ob der kosmische Urknall nicht jener Moment gewesen sein muss, in dem allen noch so weit voneinander entfernten Galaxien urplötzlich ein Moment des Erkennens gemein wurde, den Facebook-Bürgern ebenso wie den Groupons, Xings oder Myspacern, den Zockern an den Finanzmärkten wie den hohlen Wachsgesichtern der internationalen Politik - und natürlich auch den Bayern hinter ihren Bierkrügen. Und dass das auch dieses Mal unweigerlich konkrete Auswirkungen haben muss auf Raum, Zeit, Materie und Physik, so wie vor etwa 13,75 Milliarden Jahren.

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